Unbehindert miteinander

Es ist der 2. Juli 2015 – diesen Tag haben die Schüler der Paul-Winter-Realschule in Neuburg an der Donau mit Spannung erwartet. Im Rahmen des Projekts „unbehindert miteinander“ ist ein Highlight angekündigt: Frau Karina Wuttke aus Berlin mit ihrem Blindenführhund „Portis“.

Kein Schüler hatte bisher persönlichen Kontakt mit einem blinden Menschen, so kann sich auch keiner richtig vorstellen, wie es ist das Leben zu meistern, ohne sehen zu können. Sie sind neugierig und haben viele Fragen, die Frau Wuttke geduldig und mit einem Lächeln auf den Lippen beantwortet „Wie ziehen Sie sich an, wenn Sie nicht sehen, was zusammen passt?“ „Wie können Sie kochen, wenn Sie nicht sehen, wie viel Sie in den Topf geben?“ „Wie kaufen Sie ein?“ „Können Sie fernsehen?“ „Können Sie auch Sport treiben?“ „Wenn Sie sich auf den Weg machen zu Freunden oder zur Arbeit – wie können Sie sich auf dem Weg orientieren?“ „Haben Sie Hobbys?“

Neben den persönlichen Antworten gibt Frau Wuttke auch Hinweise darauf, was für ein unbehindertes Miteinander von sehenden und blinden Menschen wichtig ist:

  • Den blinden Menschen ansprechen, wenn man helfen will – und nicht einfach anpacken.
  • Hindernisse aus dem Weg räumen.
  • Lärm und laute Musik vermeiden, weil blinde Menschen auf das Hören angewiesen sind.
  • Sprechen – statt zu nicken oder auf etwas zu zeigen.
  • Wenn man einen blinden Menschen begleitet und ihn einen Moment allein lassen muss, sollte man immer auf eine Wand zum Anlehnen, eine Tischkante, eine Sitzgelegenheit o. Ä. hinweisen, damit er nicht das Gefühl hat, irgendwo mitten im Raum zu stehen.

Die Schüler hören gespannt zu und erkennen, dass oft die Sehenden aus Unwissenheit ein gutes Miteinander mit den Blinden eher „behindern“.

In der Zwischenzeit liegt Portis entspannt auf dem Boden und lässt sich gern von Schülern streicheln – denn jetzt hat er keinen Dienst und er darf einfach nur genießen. Wenn Portis sein Führgeschirr um hat, sollte er nicht abgelenkt werden, denn dann hat er eine Aufgabe, bei er konzentriert sein muss, erklärt Frau Wuttke den Schülern. Die Schüler erfahren, dass Portis eine Ausbildung durchlaufen hat und für sie ein wichtiger Helfer in vielen Alltagssituationen ist. Rund 30 Hörlaute hat Portis einstudiert, er sucht die Ampel, den Briefkasten und er hat gelernt an Bordsteinkanten stehen zu bleiben. Als Blindenführhund darf er auch mit zum Arzt, ins Krankenhaus und in den Supermarkt gehen. Natürlich hat Portis auch Freizeit und darf mit anderen Hunden toben.

Die Begeisterung für Portis ist so groß, dass einige ihren Eltern vorschlagen wollen, dass sie sich als Patenfamilie für einen Blindenführhund bei der Blindenführhundeschule Seitle melden.

Nach 40 Minuten geht dieses Highlight des Projekttages zu Ende – schade, die Zeit ist viel zu schnell vergangen. Die Schüler und die Schulleitung bedanken sich für die sehr sympathische, anschauliche und informative Begegnung.

Frau Wuttke hat versprochen, im nächsten Jahr wieder mit ihrem Blindenführhund zu kommen. Wir freuen uns auf beide!

Jutta Kieler-Winter, M.A.; Dipl.Relpäd. (FH)